Abenteuer TURBO Injection

Nach knapp zwei Jahren relativer Ruhe lockte uns wieder einmal (endlich?) eine Annonce nach Westen...weit nach Westen.. über die Grenze nach Frankreich. Roger drängte schon lange...Nachdem sein Suisse nun doch endlich einigermassen zuverlässig läuft (abgesehen von ein paar leeren Stossdämpfern) und er die traumatischen Nahtoderlebnisse anlässlich der Wiederbelebungsversuche des erwähnten 504's überstanden (verdrängt?) hat, lockt erneut der gefährliche Sirenengesang einer potentiell ruinösen, vierrädrigen Verführung.

Annoncentext: Peugeot 505 Turbo Injection, 1983, faible kilometrage, 1ère main, 1490 Euro, contrôle technique OK.

Hmmm....Wer Frankreich kennt, weiss wieviel eine bestandene contrôle technique bedeutet: 4 Räder sind dran, mindestens eines der beiden Bremssysteme sorgt für ein Minimum an Verzögerung und die Beleuchtung funktioniert zum Zeitpunkt der Prüfung. Das wussten wir. Aber gefahren sind wir einen TURBO Injection noch nie. Die technische Dokumentation des Wagens verspricht 8.6 s / 100 km/h und 205 km/h !! Und das 1983. Und das bei PEUGEOT! Und wer's genau nimmt, stellt fest, dass es sich hier um einen TALBOT-Motor handelt, was die Karre nicht weniger exklusiv macht. Und nicht reparaturfreundlicher, wenn man die Ersatzteillage zu extrapolieren versucht.
Der maghrebinische Verkäufer antwortete auf unsere elektronische Frage nach dem Rost mit: 'Oui, un peu rouillée'. Aha. Er ist also ehrlich, denn anders kann das nicht sein bei einem 505 aus dem gebirgigen Königreich Savoyen. Auch das obige Annoncen-Foto lässt an der vorderen Endspitze rötliche Patina erahnen. Aber wir wollen ja nicht unbedingt eine Hochglanzkarre. Hauptsache ein Modell der 1. Serie mit der charakteristischen 2-Ton Lackierung! Und fahren wollen wir erstmal.

Das Navi führte uns zielgenau mitten in die BIDONVILLE! Um Missverständnissen vorzubeugen: Irgendwie haben wir uns darauf gefreut, nichts anderes erwartet. Mal wieder sinnlos 600 km zu verbraten, ein anschliessendes Znacht im Landgasthof. Das alles haben wir ein wenig vermisst in den letzten 2 Jahren. Was uns dann aber am, vom Navi zuversichtlich angekündigten, Zielort doch laut auflachen liess, war dieses Bild:

Erwartungsgemäss war niemand hier. Auszusteigen trauten wir uns nicht. Schliesslich konnten wir nicht wissen, wo der obligate Kläffer lauerte...Also telefonisch Hilfe angefordert. 'Pô Problème, jahrive! Wir sollten zum nahen Parkplatz eines Fast-Food Restaurants fahren und kurz warten. Auch charmant!

Nur ein paar Minuten mussten wir warten! Vor einem, leider, typischen Zeugen französischer Architektur und des grassierenden Zerfalls kulinarischer Kompetenz.

Er kommt !!!!! Roger wollte schon wieder einsteigen und abhauen...Langsam! Immerhin: ES fährt!

Und die schwarze Spur auf der Strasse war schon vorher da! Hoffnung auf eine Probefahrt bleibt.

Überholprestige? In diesem speziellen Fall neu interpretiert. Wer über den Zustand des Wagens genaueres erfährt, räumt freiwillig die Strasse!

Die magische Buchstabenkombination...Sie wird uns so schnell nicht mehr in Ruhe lassen. Denn die Probefahrt offenbarte klar: Ist das Turboloch überwunden, wird die Quartierstrasse schnell gefährlich eng!

Das turbotypische blaue Plüschinterieur zeigt sich auch vorne in wirklich gutem Zustand! Also entfliehen wir erst einmal der Kälte und setzen uns, der Verkäufer auf den Beifahrersitz, in den Wagen. Szene: Neben einem leeren Schweizer 406 Coupé steht ein ausgenudelter 505. Auf einem Parkplatz mitten in der französischen Banlieu. Im 505: Drei dunkle Gestalten! Alle Fenster geschlossen. Es musste so kommen...

Sie parkten direkt neben uns. Stiegen aus. Schlichen misstrauisch um den 505...Wir schauten interessiert nach draussen, aber nichts geschah. Bis unser Verkäufer die Scheibe auf meiner (!) Seite runterliess und fröhlich nach draussen rief: C'est moi!.......Bitte??? War das eine Selbstanzeige?? Oder war er Stammkunde? OK, immerhin war er bereit, uns zu schützen.. Er schien also Mitgefühl mit uns haben, oder eine reine Weste. Er stieg kurz aus, meinte: 'Je suis garage' und regelte damit die Sache. Gut so. Die Flics drehten noch eine misstrauische Runde um unseren 406 und fuhren von dannen. Dem nächsten verdächtigen Menschenansammlung entgegen. Unsere Liebsten durften also mit unserer rechtzeitigen Heimkehr rechnen...

Zeit sich des schriftlich dokumentierten Desasters anzunehmen. Sage und schreibe 16 Fehler wurden bei der CT konstatiert! Jeder Einzelne würde für sich eine Prüfung in der Schweiz verunmöglichen! Hier kann die Karre weiterhin gefahren werden. Sans contrevisite! Unglaublich. Interessanteste Formulierung auf dem Protokoll: 'Corrosion multiple'. Mündlich überliefert wurde uns eine andere ebenso interessante Beschreibung für einen einseitig flachgelaufenen Reifen: 'Usage prononcée'.

Begeben wir uns also ins Untergeschoss!

In den Schweller liess sich mit der flachen Hand ein Loch schlagen! Das Wort Turboloch bekommt neue Bedeutung.

Wie kommt nur sowas zustande? Der platte Türgummi erzählt die Geschichte.

Radhaus hinten/oben. Durchladeklappe neu interpretiert!

Dieses Bild offenbart gleich zwei Defekte gleichzeitig. Die Federteller sind die grosse Schwachstelle bei allen 505. Der Autor erlebte bereits einmal wie es sich anfühlt, wenn dieser auf der Autobahn bricht und das Auto haltlos auf eine Seite fällt... Hier ist er durch. Das dokumentiert auch der schwarze Fleck, welcher von durchsickernder Dämpferflüssigkeit stammt. Das reicht für's Horrokabinett oder?

Immerhin ist der Motor drin. Auch wenn es uns im ersten Moment irritierte, dass kein Ladeluftkühler verbaut war und das charakteristische Turbopfeiffen fehlte. Den Lader fanden wir dann aber verbaut (Kontrolle ist besser) und die Probefahrt liess auch keinen Zweifel aufkommen, dass er noch arbeitete. Das mit dem LLK müssen wir noch klären. Hier wiedersprechen sich unsere Unterlagen. Länderspezifische Unterschiede?

Klar war, dass wir den Wagen nicht kaufen würden. Auch wenn der Preis plötzlich ins Bodenlose fiel. Aber der Verkäufer begriff dann doch relativ schnell und meinte was von 'j'ai des clients'. Das Handy schon wieder am Ohr brauste er davon!

Das Bild welches uns nicht mehr so schnell loslassen wird. Idealisiert wird es uns in schlaflosen Nächten erscheinen. TURBO Injection. Zweifarbig. Serie 1. Eine neue Odyssee beginnt! Sinnlose Fahrten durch die ganze Schweiz und das angrenzende Ausland sind zu erwarten. Neue Geschichten werden wir zu erzählen haben. Wie damals, als wir die perfekte 504 Berline suchten ! Hoffentlich. Denn wir verdrängen vorerst einmal die Tatsache, dass die Inseratehäufigkeit 504 Ti : 505 Turbo Injection etwa bei 10:1 liegt...

Ach ja, 60 Sekunden, nachdem wir obiges Bild machten, fuhr der Verkäufer erneut hupend an uns vorbei. In einem Scénic. Hä? Der lässt nichts anbrennen! Wir wollten unbedingt wissen, wo er den Turbo nun abgestellt hatte und entschieden uns, noch ein wenig tiefer in die heruntergekommenen Hochhausquartiere einzudringen.

Langsam, uns einen kugelsicheren 604 wünschend, schlichen wir im Ghetto rum und fanden ihn. In sich stilecht. Das Auto und seine Heimat. Und grad das macht's aus. Dies ist noch kein Oldtimer. Das ist noch eine coole Karre. Und einen Moment lang wünschten wir uns, unseren Wohnsitz in Frankreich zu haben und mit dem schnellen Wagen noch ein bisschen rumzufahren. Bis er auseinander fällt...

 

 

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