'SOFORT' KAUFEN!

Begonnen hat es so...Meine Liebste eines friedlichen Abends: 'Früher, als ich dich kennen lernte, fuhrst du einfach einen alten Peugeot (Es war ein leicht angesiffter 504) . Das war irgenwie cool, hat mir gefallen. Heute fährst du bei schwächstem Regen eine hässliche Rentnerlimousine (Mein schöner 405 Signature)! Du bist zum typischen Sammler geworden! Das finde ich ganz und gar uncool!' Das sass...Nur was war zu tun? Meine Ti Berline mit Lokaris ausrüsten und durch den Alltag jagen? Hmmm. Reizvoll. Tagelang habe ich mir das ernsthaft überlegt. Natürlich rieten mir alle ab. Drohten mit Exkommunizierung und Ernsterem. Also flüchte ich ins Internet. Ich muss einen angesifften Alltags-04er, möglichst mit ein paar Beulen, finden. Geld hab ich keines. Also müsste der geliebte 405 dran glauben. Wieder einmal hat das Schicksal böse mitgemischt. Oder wann habt ihr zuletzt in der Schweiz einen 104 ausgeschrieben gesehen? WANN?? Ich fand ihn noch in der gleichen Woche.

Hier das Verkaufsbild und der Auktionstext:

Voiture d'occasion! 104'000 km (!)
En état de rouler malgré les années.
Freins, batterie et démarreur neufs de l'expertise.

Peut être vendu pour les pièces.
Sofort Kaufen für 300.--

Letzte Prüfung vor 13 Monaten. Im Wallis...(!!??). Wer nicht völlig hinüber ist, kauft keine alten Peugeots welche im Wallis geprüft wurden...Und schon gar nicht blind. Tat ich auch nicht. - Meine Liebste hat es getan! Wollte endlich ihre Ruhe haben, fand ihn irgendwie herzig, und drückte kurzerhand auf den 'Sofort-Kaufen' Button. Nun war ich schon eingeloggt (weil ich dem Verkäufer ein paar übliche Fragen gestellt hatte) und weil wir bei Ricardo sind und nicht bei Ebay kam da nicht die Frage: 'Wollen sie wirklich kaufen?' Sondern direkt die Antwort: 'SIE HABEN GEKAUFT'. Hélas!

 

Jammern hilft nicht. Roger anrufen und fragen, ob er am nächsten Tag Lust hat, mit seinem 504 Suisse am Feierabend 6 Stunden Auto zu fahren und die Kiste zu holen. Schliesslich hat der Verkäufer auf die Frage, ob der 104 denn auch 300 km Autobahn schaffen würde, mit 'LARGEMENT' geantwortet... Hmm mal sehen. Roger hat Lust. Nur sein 504 Suisse hat am vereinbarten Treffpunkt (unsere Lieblingsgarage) gerade keine Lust. Sein Alternator stellt sich tot. Standschaden Nr. wieviel? Wieder einmal helfen die schnellen Mannen der Werkstatt unkompliziert mittels einer improvisierten Organspende. Mit einer Stunde Verspätung geht es los Richtung Westen. Das anschliessende Nachtessen ist schon mal gestrichen...

 

Mittlerweile schon sehr dunkel wird bei Blitzlicht klar, dass es an Beulen schon mal nicht mangelt. Nach ein paar Minuten erscheint der freundliche Verkäufer im Trainingsanzug und mit einer Kippe im Mundwinkel und versichert, dass der Wagen gleich anspringen wird und impéccable sei. Ein bisschen überrascht scheint er schon zu sein, dass wir für seinen Wagen so weit gefahren sind. Mittlerweile fahre er Espace und Syncro. Den 104 habe er nur noch manchmal zum Pilzesammeln à la montagne gebraucht. Oder so.

 

Geduldig erklärt er mir die Besonderheiten des Wagens. Z.B., dass der Zündschlüssel nicht herausgezogen werden darf (er geht dann nie mehr rein) und dass der Anlasser, wie bei einem Motorboot, mittels Gummiknopf auf der Mittelkonsole betätigt werden will. Sportlich, sportlich. Immerhin springt der 104 dann auch sprichwörtlich auf Knopfdruck an und flötet sein helles Lied in die Nacht hinaus. Freundlich verabschieden, den angebotenen Kaffee ausschlagen (es ist doch schon Nacht!), stattdessen zur nächsten Tankstelle, um die anstehenden 300 km noch vor dem Morgengrauen in Angriff zu nehmen. Wer weiss, was da noch kommt.

 

'Jolie voiture, que vous avez là', sagt das nette Fräulein an der Tanke. Und gab auf mein dankendes Gemurmel auch gleich zu verstehen, dass sie NICHT meinen 104 meine... Roger, mit stolz geschwellter Brust, passte kaum mehr hinter sein Lenkrad. Egal. Fahren jetzt. Und es fährt! Im 3. mit Vollgas und 110 km/h die brutale und lange Autobahnsteigung zwischen Vevey und Châtel St. Denis hinauf, Richtung Bern. Nach dem Motto: 'Entweder hält die Kiste, oder sie hat nicht verdient zu leben'. Alles funktioniert und ich staune über die bequemen Sitze und das leise Motorgeräusch. Bis die Heizung kurz vor Bern aussteigt. Plötzlich. Böses ahnend, stoppen wir im Grauholz. Um peinlichen Fragen zu entgehen, fahren wir hinter das Gebäude in eine dunkle Ecke.

 

Der Verdacht bestätigt sich. Das Kühlwasser ist weg. Deshalb keine Heizleistung mehr. Rausgeblasen in der erwähnten Steigung. Mit einem Feuerzeug und einem Schraubenzieher wird das Leck gesucht und alle Briden nachgezogen. Just in diesem Moment gesellt sich eine Polizeistreife zu uns und möchte wissen, was wir da wohl so im Dunkeln treiben. Nachdem sie alle notwendigen Nachfragen in den verschiedenen Kantonen erledigt hatten (und damit begriffen hatten, dass Autoschieber normalerweise keine verbeulten 104 in den Osten karren), schien sie doch das Mitleid zu überkommen und sie halfen uns mit ihren Lampen nach dem Leck zu suchen. Sogar die Busse für den fehlenden Fahrzeugausweis erliessen sie uns. Wir entschieden uns schliesslich, ein paar Liter Mineralwasser zu kaufen und halt alle paar Kilometer zu entlüften und nachzufüllen. Hauptsache nachhause ins warme Bett. Es war schon spät.

Am nächsten Tag wird der Wagen der Werkstatt zur Diagnose und zum Kostenvoranschlag übergeben. Die Vorgabe: 1500 Chf Kostenlimit inkl. Kaufpreis. Andernfalls wegschmeissen, die 100.-- Alteisengebühr kassieren und froh sein, mit 200.-- Verlust aus der Geschichte raus gekommen zu sein.

 

Der Rest ist kurz erzählt. Der Wagen ist innerhalb der Kostenlimite vorgeführt worden! 2 kleine Rostlöcher, eine neue Wasserpumpendichtung, eine Hardyscheibe, eine Antriebswellenmanschette und die üblichen Servicearbeiten. Das wars. Bremsen rundum OK, Reifen Neuwertig, Auspuff dicht.

 

Nicht ganz zufällig entstanden die Bilder auf dem Gelände einer Entsorgungsfirma. Aber dieser Wagen wird NICHT vorzeitig in einer Mulde landen.

 

Das Interieur präsentiert sich in sehr gutem Zustand. Feuerlöscher und Padre Pio sorgen für die nötige passive Sicherheit. Das S-Lenkrad lag noch im Keller rum.

Und er träg seine zahlreichen Beulen rundum mit französischer Nonchalance. Ganz wie das noch in den 90ern in Paris an jeder Strassenecke zu sehen war! Oder so wie der mattblaue 104, welcher heute noch hinter der Bar de la Plage in Brégançon steht und seine Fahrerin allabendlich quietschend und schaukelnd nachhause trägt. Und nein, die Felgen werden nicht entrostet! Und noch dies: GR heisst ab sofort GRAND RAID! Und noch das: Meine Liebste findet ihn unglaublich cool! den 104...

 

Update:

Nach 3 Monaten 104 GR im Alltag hab ich aufgegeben...Es geht nicht mehr...Ich muss es zugeben. Bald hab ich die 4 auf dem Rücken. Ich will einfach nicht mehr. Dass die Kiste erst heizte, als ich bereits im Geschäft war, mag ja noch angehen. Dass sich bei einem scharfen Bremsmanöver plötzlich 10 Liter Wasser in den Innenraum entleerten (aus der gefüllten Tür) war ja ganz lustig. Aber dass die Kiste 8 (ACHT!) Liter teuren Sprit verbrennt, hat mich leicht geschockt! Wohl der Preis der unumgänglichen, digitalen Fahrweise. Mit 8.7 Litern fahr ich 3-Liter V6 im Alltag! Dass der Campingstuhl meinen Rücken nach Physiotherapie verlangen liess war auch nicht gerade ermutigend. Den Ausschlag gab schliesslich, dass ich seit ein paar Wochen regelmässig einige hundert Kilometer Autobahn hinter mich bringen muss. Eines Morgens waren die Wetter- und Sichtverhältnisse auf der Bahn derart schlecht, dass mich, angesichts des fehlenden Bremskraftverstärkers, ABS, der dünnen Reifchen und der zahlreichen, Gischt versprühenden LKWs, schlicht das nackte Grauen packte...Eine Alterserscheinung wohl. Ja Roger, lach nur. Auch dich wird das noch ereilen. Ich sehnte mir meine bequeme, uncoole, rentnergepflegte 405 Limousine zurück. Und da diese immer noch in einer vergessenen Ecke einer Markenvertretung rumstand, handelte ich schnell. Der 104 ging in die Auktion und machte einen frischgebackenen Familienvater glücklich, dessen Golf 2 Tage vor der Geburt abgelegen ist und der dringendst 4 Räder mit einem Motor suchte.

Ein bisschen weh tat's ja schon. Zwei 104 begleiteten mich durch meine automobile Jugend. Ihnen hab ich danach 20 Jahre lang nachgetrauert. Ich wollte diese Liebe noch einmal erleben...Es wurde schliesslich nur eine kurze Affäre. Aber sind nicht die manchmal die besten? Adieu Grand Raid!

 

 

Ach ja... Meine Liebste war schnell überzeugt: Sicherheit, 'Ich bin doch jetzt Vater', Verantwortung....Alles Zauberworte ;-)

 

 

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